Oktober 2011
Gerade ist es wieder einmal wissenschaftlich nachgewiesen worden: Durch Abneh-
men können übergewichtige Diabetiker ihren Diabetes zum Verschwinden bringen! 11 Typ 2 Diabetiker mit einem durchschnittlichen Body-Mass-Index (BMI) von 33,6 hatten mittels einer strikten Reduktionskost mit 600 Kcal innerhalb von 8 Wochen durch-schnittlich 15 kg abgenommen. Danach waren alle Stoffwechselwerte wieder norma-lisiert, der Diabetes war weg (Lim EL et al.,Diabetologia 2011). In den nächsten 12 Wochen hatten sie allerdings bereits wieder im Schnitt 3 kg zugenommen. Im Prinzip ist es also relativ einfach, den Diabetes zu behandeln, wäre da nicht der Jojo-Effekt: Wer in kurzer Zeit durch ein rigides Essverhalten deutlich abnimmt, nimmt rasch wieder zu, weil er nach diesem Kraftakt wieder in das gewohnte Essverhalten zurück fällt. Außerdem wehrt sich der Köper gegen den Substanzverlust durch Zurückfahren des Grundumsatzes, so dass er während der Diät mit immer weniger Kalorien aus-
kommt. So wird Abnehmen zunehmend schwerer. Sobald man wieder „normal“ isst, werden die zugeführten Kalorien umso effektiver verwertet und in Form von Körper-
speck abgelagert – ein Teufelskreis.
Crash-Diäten nutzen nichts, sie schaden eher. Wer wirklich abnehmen will, muss es ernst meinen und langfristig planen. Zuerst einmal sollte man z.B. in einem Esstage-
buch notieren, was man den Tag über so alles isst und trinkt. Man wird sich wundern! Denn nach wir vor gilt: Wer übergewichtig ist, der führt mehr Kalorien zu als er ver-
braucht. Und das Problem ist nun mal, dass der moderne Mensch sich kaum noch bewegt und die wenigen Kalorien, die er für den Grundumsatz braucht, ganz schnell beisammen hat. Zum Frühstück 2 Käsebrötchen, eine Currywurst mit Pommes frites zum Mittagessen und zum Abendessen eine Butterbrezel sind beispielsweise schon mehr als 2000 Kcal. Kuchen am Nachmittag oder ein Bier am Abend bedeuten für die meisten Menschen daher schon Gewichtszunahme. Es sei denn – sie bewegen sich regelmäßig. Bewegung hebt den Grundumsatz an und wirkt damit dem Jojo-Effekt entgegen. Außerdem werden mit jedem Schritt Kalorien verbrannt, die nicht in Speck umgewandelt werden.
Wer dauerhaft abnehmen will, muss seine Ernährung kritisch unter die Lupe nehmen, Kalorienbomben meiden und stattdessen häufiger wasserreiche Nahrungsmittel wie Salat, Obst und Gemüse essen. Außerdem kann man weder Gewicht abnehmen noch dauerhaft sein Gewicht halten, wenn man nicht gleichzeitig sein Bewegungspensum steigert. Bewegung verbraucht nicht nur Kalorien, sie verhindert zusätzlich auch den Jojo-Effekt durch Steigerung des Grundumsatztes zwichen den Bewegungsportionen.
Es spielt keine Rolle, wann man isst, sondern wie viel man isst und ob man sich ausreichend bewegt hat. Überschüssige Kalorien werden vom Körper immer als Fett gespeichert, ganz egal wann sie ihm zugeführt werden. Vor einem kleinen Snack vor dem Schlafengehen immer erst darüber nachdenken, wie viele Kalorien es an diesem Tag schon gewesen sind.
Fett ist nicht generell schädlich und ein Dickmacher. Im Gegenteil – der Körper braucht wertvolle, ungesättigte Fettsäuren als Bausteine. Auch können viele Vitamine in Gemüse und Salat nur mit Fett in den Körper aufgenommen werden. Hier macht, wie immer, die Dosis das Gift. Fett enthält doppelt so viele Kalorien wie Kohlenhydrate oder Proteine, und sollte deshalb sparsam gegessen werden.
Der Glaubenskrieg tobt: mal sind Fette eine Erfindung des Beelzebub und gehören aus jedem Essen gestrichen, mal sind Kohlenhydrate die Wurzel allen Übels, weil sie die Bauchspeicheldrüse zu einer Insulinüberproduktion verleiten. Dick macht ein Über-
schuss an Kalorien, nicht mehr und nicht weniger. Um gesund zu sein, braucht der Körper eine gemäßigte Zufuhr aller Nährstoffe, Fette, Kohlenhydrate und Proteine, Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine. Eine Diät, die auf eine hohe Proteinzufuhr setzt kann zudem ausgesprochen schädlich sein: sie belastet die Nieren, sorgt für schlechten Atem, Wassermangel und Kopfschmerzen, und kann im Extremfall die Ursache für Gicht sein.
Wie viel Sport muss ein Mensch während und nach einer Diät treiben, um Gewicht zu verlieren und dies vor allem dauerhaft zu halten? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Studie der Universität von Pittsburgh, die im Archives of Internal Medicine am 28. Juli 2008 veröffentlicht wurde. Das Ergebnis mutet simpel an: wer etwa eine Stunde Sport pro Tag fünfmal die Woche treibt, hat gute Chancen, sein Gewicht innerhalb von zwei Jahren um 10 Prozent zu reduzieren und nicht wieder zuzunehmen.
Zwischen dem 1. Dezember 1999 und dem 31 Januar 2003 wurden 201 überge-wichtige oder adipöse Frauen begleitet, die sich bei einem von einer Klinik ange-
botenen Programm zur Gewichtsabnahme angemeldet hatten. Bei allen Frauen lagen keinerlei Kontraindikationen zur Gewichtsreduktion oder zu physischer Aktivität vor. Der Body Mass Index (das Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch die quadrierte Körper-
größe in Metern) lag bei allen Probanden zwischen 27 und 40, alle Teilnehmer waren zwischen 21 und 45 Jahren alt. Die Patienten wurden randomisiert in vier Gruppen eingeteilt, wobei jede der vier Gruppen ein ähnliches Durchschnittsalter und -gewicht aufwies. Die Einteilung erfolgte anhand des zusätzlichen Energieverbrauchs durch körperliche Aktivität (1000 bzw. 2000 kcal/Woche) und deren Intensität (moderate bzw. hohe Intensität, jeweils abhängig von der maximalen Herzfrequenz der Probanden). Die Teilnehmer wurden außerdem angewiesen, ihre Kalorienzufuhr auf 1200 kcal bis 1500 kcal pro Tag zu beschränken, je nachdem ob das Ausgangsgewicht über oder unter 90 kg betrug. Während der ersten 18 Monate nahmen die Patienten zu Motiva-tionszwecken an Gruppensitzungen teil, außerdem wurde der Kontakt zwischen den Wissenschaftlern und den Probanden durch persönliche Gespräche und regelmäßige Telefonate aufrechterhalten.
Zwischen den verschiedenen Gruppen zeigten sich weder nach 6 Monaten (8-10 % Gewichtsverlust) noch bei der Nachuntersuchung nach 24 Monaten (5 % Gewichts-verlust) statistisch auffällige Unterschiede bezüglich des Gewichtsverlusts. Allerdings zeigte eine Post-Hoc-Analyse, dass Personen, die einen Verlust von 10 % Gewicht oder mehr innerhalb der 24 Monate verloren, mehr Sport trieben, als diejenigen, die weniger als 10 % des ursprünglichen Gewichts verloren (p & 0,001) und zwar durchschnittlich 1835 kcal/Woche. Das entspricht etwa 275 min körperlicher Aktivität pro Woche oder in anderen Worten: fünfmal die Woche jeweils 55 Minuten.
Wer Sport treibt, kann also einen klinisch signifikanten Gewichtsverlust bewirken, daher muss diesem Faktor viel Bedeutung beigemessen werden. Die Empfehlung lautet daher, mindestens 150 Minuten pro Woche moderate körperliche Aktivität auszuüben, eventuell auch mehr, um einen größeren Gewichtsverlust zu erzielen.
Die Studie hat jedoch auch einige methodischen Defizite. Die Menge an Sport, die angegeben wurde, basiert auf eigenen Aufzeichnungen der zudem ausschließlich weiblichen Probanden, die nicht überprüft werden können. Zudem fehlt eine Kontrollgruppe, die gar keinen Sport trieb, sondern sich lediglich an eine Diät gehalten hätte. Dies schränkt eine Verallgemeinerung der Ergebnisse ein und erschwert daher auch die Interpretation der gewonnenen Daten.
Übergewicht mit all seinen Begleiterscheinungen wird in den Wohlstandsgesell-schaften auch in der Zukunft ein ernsthaftes Problem sein, daher ist es nötig, so früh wie möglich mit geeigneten Maßnahmen gegenzusteuern. Etwas Bewegung kann dabei bereits ausreichen.
Da jedoch für viele Menschen Sport einer echten Überwindung bedarf, ist es wichtig, sein Umfeld einzuweihen und gegebenenfalls umzugestalten, so dass man auch in der Schule oder an der Arbeit und vor allem auch zu Hause (Stichwort „Couchpotatoe“) seine Ziele und seine neu gewonnenen Verhaltensweisen weiter verfolgen kann.
Unabhängig von methodischen Limitationen bestätigt die Studie jedoch nicht unbekannte Weisheiten: wer dauerhaft abnehmen und nicht in die Jojo-Falle tappen will, muss nicht nur seine Energiezufuhr drosseln, sondern sich vor allem auch mehr bewegen. Und zwar 275 Minuten in der Woche.
Jakicic, et al. Effect of Exercise on 24-Month Weight Loss Maintenance in Overweight Women Arch Intern Med. 2008;168(14):1550-1559.

Dr. med. Wolf-Rüdiger Klare
Chefarzt
der Inneren Medizin am HBK-Radolfzell
Innere Medizin am HBK Radolfzell
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